Meldungen aus dem Landesverband Sachsen-Anhalt

Volkstrauertag im Zeichen des Ukrainekrieges

Erinnern an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft so aktuell wie lange nicht

Prof. Michael Wolffsohn hält die Gedenkrede © ltlsa

Bereits am Vortag des Volkstrauertages haben der Vorsitzende des Landesverbands Sachsen-Anhalt, Dieter Steinecke, und der Vorsitzende des Bezirksverbands Magdeburg im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. in Magdeburg auf dem Friedhof Westerhüsen, dem Neustädter Friedhof sowie im Nordpark Kränze an den jeweiligen Kriegsgräberstätten abgelegt und der Toten gedacht.

Am Volkstrauertag am Sonntag, 13. November 2022, wurde im Plenarsaal des Landtags von Sachsen-Anhalt in einer Gedenkstunde der Millionen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht.

Es sprachen Landtagsvizepräsidentin Anne-Marie Keding und Dieter Steinecke, der Vorsitzende des Landesverbands Sachsen-Anhalt im Volksbund. Die Gedenkrede hielt in diesem Jahr der Publizist und Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung vom Rossini-Quartett Magdeburg. Zudem boten Jugendliche der Projektgruppe „Tagebuch der Gefühle“ aus Halle (Saale) Einblicke in ihre Forschungen.

Es sei unvorstellbar gewesen, dass Russland – wie im Februar 2022 geschehen – die Ukraine wieder angreifen und das Völkerrecht und alle Regelungen des Nachkriegseuropas brechen würde, betonte Dieter Steinecke. „Wir sehen, was Menschen erleiden müssen, und all diese Schrecken finden im Herzen Europas statt. Als ehemaliger Präsident des deutsch-ukrainischen Forums zerreißt es mir schier das Herz." Das Motto des Volksbunds „Gemeinsam für den Frieden“ sei aktueller denn je, so Steinecke abschließend.
 

Die neuen Zeitzeugen

Mit ihrem Projekt „Spurensuche“ stellten die Jugendlichen aus Halle (Saale), die sich auch die „neuen Zeitzeugen“ nennen, die Bedeutung der Erinnerungskultur heraus: „Was können wir tun, damit die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus nicht verblasst?“ Es gehe darum, Geschichte für junge Menschen „erfühlbar“ zu machen. Viele verschiedene Völker seien Opfer des Nationalsozialismus geworden, doch die Geschichten der Toten seien dennoch ganz individuell, die Opfer seien Mütter, Brüder, Onkel, Schwestern, Freunde, Väter gewesen. In diesem besonderen Projekt würden Fakten gesammelt und in einem Tagebuch festgehalten – darunter seien Texte, Bilder, Videos, Comics und Gedichte. Antisemitismus und Rassismus seien keine Phänomene von früher, sondern sehr aktuell. Der gemeinsame Austausch sei der Schlüssel für Akzeptanz und gegen Vorurteile.
 

Gedenkrede von Prof. Wolffsohn

Der Volkstrauertag habe in Deutschland eine lange Tradition – von den unterschiedlichen Staatsformen sei er verschieden ausgelegt und instrumentalisiert worden, erinnerte Prof. Dr. Michael Wolffsohn. Er stellte sich und allgemein die Frage, ob der Volkstrauertag seiner Aufgabe noch gerecht werde oder inwieweit er angepasst werden müsste.

Seit der erstmaligen Ausrichtung des Volkstrauertags in den 1920er Jahren bis zum Jahr 2022 seien regelrecht „tektonische Veränderungen“ in der Gestaltung des Volkstrauertags erkennbar. Heute gebe es in Deutschland eine gewisse Flexibilität bei der Ausgestaltung. Man gedenke pauschal aller Opfer von Kriegen, Gewaltherrschaft und Terrorismus sowie der bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefallenen deutschen Soldaten. Das sei zwar „sympathisch und moralisch, aber auch abstrakt“, so Wolffsohn. Abstraktes allerdings wecke keine Gefühle und bleibe deshalb wirkungsschwach.

Denn abstrakt erscheine den Deutschen auch der Krieg selbst, dabei sei er doch so nah. Man müsse wieder mehr Seele und Herz der Menschen erreichen, forderte Wolffsohn. Denn wer „alle“ betrauere, betrauere am Ende niemanden. Und wer sich in Kriegszeiten allem voran um Energiekosten sorge, trauere um den Verlust von Wohlstand, aber nicht um Menschen. Die Inhalte des Volkstrauertags in Deutschland sollten konkretisiert werden, damit Lehren aus dem Leben und Sterben der Opfer gezogen werden könnten, erklärte der Historiker.

Auch die demographische Revolution der Jahrzehnte von den Wirtschaftswunderjahren bis heute sei in die Überlegungen unbedingt einzubeziehen. „Vielen Menschen kamen und blieben, viele kommen und bleiben.“ Die dauerhaften Einwohner Deutschlands würden immer vielfältiger: „Wer also ist heute das deutsche Volk, das am Volkstrauertag trauert?“ Wie umgehen mit einer Erinnerungskultur, die scheinbar auf eine homogene Bevölkerung ausgerichtet ist, die aber eigentlich sehr heterogen ist?

Wie erreicht man auch die „neuen Deutschen“, von denen ein Viertel einen Migrationshintergrund habe? Doch auch bei ihnen ließen sich Parallelen in der Geschichte entdecken, die „deutsche“ Erinnerungskultur also spiegeln. Es gelte, Wissens- und Gefühlslücken der Alt- und Neudeutschen zu schließen, um gemeinsam trauern zu können. Denn nur, wer gemeinsam trauern könne, sei auch in der Lage, zusammen zu feiern – das Leben zum Beispiel.

Im Anschluss an die Gedenkstunde im Plenarsaal des Landtags von Sachsen-Anhalt fand auf dem Magdeburger Westfriedhof eine Kranzniederlegung statt.

Landesweit fanden weitere Gedenkstunden und Kranzniederlegungen statt, unter anderem in Wittenberg, Halle, Gardelegen, Dessau-Roßlau, Weißenfels und Stendal. Die zentrale Gedenkstunde des Volksbundes war im Bundestag. In diesem Jahr wurde sie gemeinsam mit dem Partnerland Lettland begangen.

Eindrücke vom Volkstrauertag 2022

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